Mensch und Kulturlandschaft

hohlweg Hohlweg bei Spenge

Schon lange begehrt: der gute Boden

Guter Boden war schon immer begehrt. Mit Rodung, Viehzucht und Ackerbau begannen die ersten Menschen im Ravensberger Hügelland die Landschaft schon in der Jungsteinzeit zu formen. Zeitgleich lebten auch Jäger und Sammler in den dichten Eichenmischwäldern.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Wald immer mehr zurückgedrängt und das Holz zum Bauen verarbeitet oder verheizt. Die freien Flächen wurden zum Ackerbau oder zum Beweiden genutzt, jahrhundertelang lagen auch weite Bereiche brach (Ödland, Heide).Heute ist der Kreis Herford, der einen großen Teil des Ravensberger Hügellandes abdeckt, nach wie vor einer der waldärmsten Kreise im Bundesland NRW. Nur die bachnahen Bereiche oder die Kammlagen der höheren Hügelkuppen sind heute noch dichter bewaldet.

„Esch und Siek“ - eine ganz besondere Beziehung

Die auf natürliche Art und Weise geformte Landschaft mit ihrem leicht welligen Auf und Ab bot dem Menschen eine zunehmend gute Grundlage für die Landwirtschaft. Vor allem die höher liegenden Kuppen der Hügel, „Esch“ genannt, eigneten sich nach der Rodung hervorragend für den Ackerbau. Die tiefer liegenden Täler der vielen Bäche wurden mehr und mehr für die Beweidung genutzt. Zwischen beiden Nutzungsformen bestand eine enge Beziehung, gewissermaßen eine Abhängigkeit: Nicht von ungefähr galt lange der alte Spruch: „Das Grünland ist die Mutter des Ackers“.   

Durch die Viehhaltung erhielt der Bauer gewissermaßen als Abfallprodukt wertvollen Dünger, den er auf die Felder ausbringen konnte, was deren Ertrag immer weiter steigen ließ. Vor der Erfindung des Kunstdüngers um 1840 war dies die einfachste und günstigste Form der Düngung. Besonders die Plaggenwirtschaft brachte im Ravensberger Hügelland die Landwirtschaft voran. Dabei wurden Grassoden von den feuchten Weiden entlang der Bäche in mühsamer Handarbeit („Plagge“ = sich plagen, Plackerei!) abgestochen und dem Vieh vor allem für den Winter in die Ställe untergeschoben. Nach der kalten Jahreszeit landeten diese Plaggen wieder draußen - diesmal aber mit reichlich Mist angereichert - auf den Äckern.

Über viele Generationen „Plackerei“ hinweg stieg das Niveau der Äcker tatsächlich mess- und sichtbar an. Zugleich veränderte sich das Aussehen der Bachtäler. Die Geländekanten zwischen Bachtal und höher gelegenem Acker wurden steiler, der Talgrund selbst erweitert, entwässert, eingeebnet und der Bach oft an den Rand gelegt. So entstanden lange, schmale Wiesentäler, ortsüblich „Sieke“ genannten (sige = niedrig, hier im Sinne von feuchte Senke, s. Zeichnung). Früher bezeichnete man mit dem Wort Siek alle feuchten, niedrig liegenden Bereiche; seit der grundlegenden Arbeit von Adolf Schüttler (1955) wird das Wort auf die künstlich veränderten Kastentäler begrenzt verwendet. Idealerweise stand der Bauernhof zwischen Siek und Esch - nach oben Ackerbau, nach unten Viehzucht. Die endlosen Gänge und Wagenfahrten zwischen den beiden landwirtschaftlichen Polen Esch und Siek vertieften die Wege und diese entwickelten sich zu den typischen Hohlwegen.

Die Siekränder wurden nach und nach mit Gehölzen bepflanzt - ebenso wie die Seiten der Hohlwege. Diese Büsche, Hecken und Sträucher hielten einerseits die schiefe Ebene fest und verhinderten die Erosion, andererseits dienten Schlehe, Hainbuche, Weißdorn und Co. als naturnahe Wegbegrenzungen - eine große Hilfe bei Viehtrieb und Weideviehhaltung. Auch das Grünland der Sieke wurde wie vielfach in Mitteleuropa durch Beweidung mit Rindern, Schafen, Pferden geschaffen. Dennoch ist die Grünlandbewirtschaftung unserer Vorväter kaum mit den heutigen Verhältnissen vergleichbar. Jahrhunderte hindurch existierte keine geordnete Weidewirtschaft, zumeist gab es neben dem Ackerbau nur eine Stallhaltung mit kleinen Stückzahlen. Im Mittelalter herrschte der Ackerbau mit der Dreifelderwirtschaft vor. Der Großteil der Weiden ging aus den Gemeinschaftsweiden der Dörfer hervor (Allmende, wie z.B. das Enger Bruch).

Die Flächen wurden begleitend zur Beweidung wenig gepflegt, waren meist deutlich strukturreicher als heutige Weiden und auf relativ großen Flächen weidete ein geringer Viehbestand. Desweiteren wurde der Wald für die Hutewirtschaft, bei der einzelne Rinder, Ziegen, Schafe im Wald weideten und auch die Brachen für die Beweidung genutzt. Erst im letzten Jahrhundert und vor allem nach 1900 wurde die Viehhaltung deutlich intensiviert. Es wurden Viehrassen mit mehr Gewicht und Leistung gezüchtet - mit zunächst positiven Konsequenzen: es wurde erheblich mehr gut kultiviertes Grünland benötigt. Im Ravensberger Hügelland war wahrscheinlich seit Beginn der menschlichen Besiedlung der Ackerbau besonders dominant. Großflächige extensive Weiden, wie sie heute z.B. noch an der Küste existieren, dürften in unserer Region selten gewesen sein. Nur in den weiten Flussauen wurden großflächig Grünlandbereiche in die Bewirtschaftung genommen. Im Kreis Herford sind dies die Else-, Werre- und Aaniederung. Hier konnte sich aufgrund der feuchten Bodenverhältnisse über viele Jahrhunderte hinweg kein Ackerbau etablieren. Die dort ursprünglich stehenden Bruchwälder (Bruch = feuchter Wald) wurden gerodet und durch Wiesen und Weiden ersetzt.

Ein typisches Beispiel für einen ehemaligen Bruchwald, der noch heute vorwiegend aus Grünland besteht, ist das Füllenbruch, seit 1995 mit 144 ha eines der größten Naturschutzgebiete im Kreis Herford. Im Füllenbruch, als Seitental der Werre, wurde durch den moorigen Boden die Ackernutzung bis in unsere Tage hinein erschwert. Ähnliche Grünlandbereiche sind das Enger Bruch, das Werfener Bruch und die Wiesen bei Ahle und Hunnebrock. Die meisten Grünlandflächen liegen heute im Kreis Herford jedoch in den Sieken. Ähnlich wie in den weiten Flussauen, konnte in den feuchten Tälern eine ackerbauliche Nutzung nur schwer greifen bzw. blieb auf die höheren Lagen beschränkt. Zu der Bodenfeuchte und den regelmäßigen Überschwemmungen der Bachtäler kamen die steilen Hänge und die Enge der Täler als Hindernisse hinzu. Erst die Ausbildung der Sieke durch die Hand des Menschen ermöglichte eine, wenn auch vergleichsweise bescheidene, planvolle Grünlandnutzung im Ravensberger Hügelland.

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Entstehung eines Sieks
(Abbildung nach Rempel 1954 und Schüttler 1986)

 

Landwirtschaftliche Revolution: vom Heuerling zum GPS-Schlepper

In der Zeit zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert verdreifachte sich die Bevölkerungszahl in Deutschland. Verursacht möglicherweise durch die mittelalterliche Warmzeit verbesserten sich die Bedingungen für die Menschen, die Ernteerträge waren über Generationen sehr gut. Viel Wald wurde gerodet, junge Bauern wurden durch zunächst niedrige Abgaben gelockt, Land urbar zu machen. Allein zwischen Herford und Exter entstanden von 1150 bis 1300 zwanzig neue Hofstellen. Mit der weiter rasch zunehmenden Bevölkerung gegen Ende des Mittelalters (um 1500) nahm der Bedarf an Nahrungsmitteln noch weiter zu. Allerdings erhöhte sich die Zahl der unabhängigen Bauern nicht wesentlich: viele von ihnen beschäftigten unselbständige Landarbeiter, deren Zahl deutlich zunahm. Unweit der Haupthofstelle wurde ihnen ein kleines Haus mit etwas Land zugeteilt. Die Familien dieser „Heuerlinge“ lebten oft jahrhundertelang in ihren „Kotten“, auch wenn jährlich eine Verlängerung des Vertrags mit dem Grundeigentümer anstand. Grundlage der Verträge waren die Handlangerdienste, die dem Bauern entrichtet werden mussten, ebenso wie Zinsen in bar und Pachtleistungen in „Naturalien“. Viele Heuerlinge konnten bald ihren Lebensunterhalt durch die Landwirtschaft allein nicht mehr erwirtschafteten. Es entstand eine „Mischökonomie“ und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde in vielen Heuerlingshäusern an Webstühlen Stoffe gewoben. Dafür betrieben die unselbständigen Bauern Flachsanbau. Der Flachs wurde in unzähligen kleinen Teichen weiterverarbeitet, den Rötekuhlen, von denen man heute noch etliche in der Landschaft finden kann. Als die Leinenindustrie die Handarbeit ablöste, wichen einige Heuerlinge auf die Herstellung von Zigarren aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg bereitete der einschneidende Strukturwandel in der Landwirtschaft der Heuerlingswirtschaft endgültig ein Ende.

Heute sind die landwirtschaftlichen Flächen nach wie vor im Besitz vieler Eigentümer, aber die Bewirtschaftung liegt nur noch in wenigen Händen. Diese Entwicklung erreichte in jüngster Zeit ein extrem hohes Tempo: So reduzierte sich allein von 1989 bis 1999 die Zahl der Betriebe im Kreis Herford über ein Hektar von 1.887 auf 1.096, die Rindviehhalter gingen von 650 auf 277, die Milchviehhalter von 364 auf 115 und die Schweinezüchter von 1.306 auf 499 zurück. In den letzten 20 Jahren ging die Zahl der Höfe mit Rinderhaltung im Kreisgebiet weiter um mehr als 80% zurück. Moderne Betriebe mit großen, zugepachteten Flächen (ab 100 ha) werden heute als zukunftsfähig erachtet und setzen auf Hightech: Per Satellit werden Pflug, Einsaat, Düngung und Pflanzenschutz gesteuert. Viel weniger Menschen arbeiten heute in der Landwirtschaft als noch vor wenigen Jahrzehnten. Dabei gehen leider viele Traditionen und Nutzungsformen verloren. Kaum ein Eigentümer nutzt heute z.B. seine eigenen Kopfweiden. Aber auch enge, feuchte Grünlandflächen sind für einen modernen Betrieb mehr eine Last als - wie früher - ein Glück, weil sich dort auch im Hochsommer gut  „Heu werben“ ließ. Eine Viehhaltung, die zum Erhalt von bestimmten Lebensräumen, wie Streuobstwiesen oder extensivem Weideland unbedingt nötig ist, passt nicht mehr in die aktuelle Wirtschaftsweise.

trecker
Noch vor ein, zwei Generationen wurden viele Techniken der Landnutzung von vielen Landwirten an ihre zahlreichen Nachfolger weitergegeben. Dabei wurden auch Werte vermittelt, die sich heute in den Biotopen, die eine besondere Wertigkeit für den Natur- und Artenschutze haben, wiederfinden. Beispiele sind der Erhalt auch kleiner, feuchter Grünlandstandorte durch extensive Beweidung oder Mahd und der regelmäßige Schnitt der Kopfweiden mit der praktischen Verwendung des Schnittgutes. Ganz aktuelle Entwicklungen, wie der vermehrte Anbau von Energiemais, bereiten dem Naturschutz Anlass zur Sorge. Mais wurde im Ravensberger Hügelland, wo traditionell viel Getreide angebaut wurde, bis vor wenigen Jahren wenig eingesät, inzwischen stieg der Anteil auf über 10%. Der Anbau von Mais ist für viele tierische und pflanzliche Bewohner der offenen Feldflur eine ungünstige Lebensgrundlage und ein weiterer Rückgang von Feldlerche, Kornblume und Co. wird sich nur unter großen Anstrengungen aufhalten lassen.

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Fotos, Zeichnungen, Abbildungen:

  • Hohlweg in Spenge, Grünland, Trecker, Rinder: Biologische Station Ravensberg
  • Entstehung eines Sieks: Abbildung nach Rempel 1954 und Schüttler 1986



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